Stellen Sie sich die Asphaltstraße, auf der Sie gerade gegangen sind, im Jahr 1917 vor. Sie stehen auf einem schlichten Sandweg. Vor Ihnen erhebt sich ein hölzernes Haus mit großzügiger Veranda, gedeckt mit Reet. Die benachbarten Häuser existieren noch nicht, und der Wald südlich des Grundstücks ist gerade erst für den „Freilichtpark Klingberg“ angepflanzt worden.
In dieser noch jungen und weitgehend unbebauten Umgebung erwarb Friedel Höfer – sie war eine gefragte Porträtmalerin aus Berlin – die Seestraße 30 für sich und ihre Kinder. Der Erste Weltkrieg hatte ihr den Ehemann genommen, und sie folgte dem Ruf von Freunden in die aufstrebende Künstlerkolonie Klingberg. Das Haus lag in völliger Alleinlage und bot einen weiten, unverbauten Blick auf den See.
Friedel Höfer beauftragte ihren engen Freund, den Gartenarchitekten Harry Maasz, mit der Gestaltung des Gartens. Mit großem Gespür für Natur und Form schuf er eine Anlage, die durch kunstvolle Natursteinmauern geprägt ist. Der entstandene Steingarten sowie das Gebäude selbst gelten heute als bedeutende Kulturgüter des Kreises
Ostholstein. Spüren Sie die Faszination?
Im Laufe der Jahre wurde das ursprünglich schlichte Holzhaus behutsam erweitert. Der einstige Kohlenkeller und der Hühnerstall unterhalb der Veranda wurden zu Wohnräumen umgebaut. So entwickelte sich das Haus Schritt für Schritt zu einem großzügigen Wohn- und Arbeitsort. Friedel Höfer entwickelte hier ein intensives Netzwerk aus Freundschaften und pflegte den künstlerischen Austausch. Zu ihren Gästen zählten unter anderem Architekten des Bauhauses wie Walter Gropius und Lyonel Feininger sowie die regionalen Künstler Caesar Klein und Alfred Mahlau, die in der Seestraße 30 regelmäßig willkommen waren. Mit der Zeit des Nationalsozialismus änderte sich die Situation grundlegend. Friedel Höfer verweigerte den Eintritt in die Reichskulturkammer und verlor dadurch ihre Ausstellungsmöglichkeiten. Zudem war ihr Lebenspartner jüdischer Herkunft und sollte eines Tages durch den Ort gehetzt werden. Er bekam davon Kenntnis und floh. Frau Höfer und ihre Kinder wurden dann von vielen gemieden. In der Folge zog sie sich zunehmend zurück und lebte weitgehend vereinsamt. Friedel Höfer bewohnte die Seestraße 30 bis zu ihrem Tod im Jahr 1960. Ihre Ölgemälde befinden sich überwiegend in Privatbesitz, und ihr Schaffen wurde leider nie katalogisiert. Bis heute steht das Haus an seinem Platz – vielleicht schöner denn je. Umfangreiche Sanierungen durch private Eigentümer in den Jahren 1993/94 sowie 2024/25 haben das Gebäude grundlegend erneuert und zugleich seinen historischen Charakter bewahrt. … und der Blick auf den Pönitzer See ist nach wie vor unverbaut und atemberaubend.


